
5. Onko-Talk NRW
Ist Krebs vererbbar?
Die fünfte Auflage der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von CIO Köln, WTZ Essen und dem NRW-Wissenschaftsministerium widmet sich der erblichen Krebsfrüherkennung und Vorsorge – und der Zukunft der Onkologie mit Künstlicher Intelligenz
Rund 100 Gäste sind am 8. September 2026 der Einladung zum „Onko-Talk NRW“ ins Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) der Uniklinik Köln gefolgt. Bereits zum fünften Mal hatten das CIO Köln und das Westdeutsche Tumorzentrum Essen (WTZ) gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft zu der Veranstaltungsreihe geladen. Im Mittelpunkt stand diesmal die Frage, ob und wie Krebs vererbt werden kann. Durch die Veranstaltung leitet die bekannte Moderatorin Sarah Majorczyk, 1. Vorsitzende des Vorstandes von „BILD hilft e. V. – Ein Herz für Kinder“ und Autorin in der BILD-Chefredaktion.
Noch bevor es aber um Vererbung ging, stand ein anderes großes Thema im Fokus, denn nur wenige Tage vor dem Onko-Talk hatte das Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalenbekanntgegeben, dass das Land aus dem „NRW-Plan für gute Infrastruktur“ 200 Millionen Euro in ein neues Forschungscluster investiert. Unter dem Namen „AI4CancerCure.NRW“ sollen künftig alle Universitätskliniken Nordrhein-Westfalens in einem landesweiten Exzellenznetzwerk Krebsmedizin zusammenarbeiten und die Krebsforschung enger mit der Spitzenforschung zur Künstlichen Intelligenz (KI) verzahnen. Wissenschaftsministerin Ina Brandes ordnete die Entscheidung für dieses Vorhaben ein: „2,3 Milliarden Euro sind aus dem Sondervermögen in meinem Haushalt angekommen und ich habe gesagt: Wenn ich schon einigermaßen unverhofft zu so viel schuldenfinanziertem Geld komme, dann müssen wir damit etwas machen, das über jeden Zweifel erhaben sinnvoll ist. Niemand soll später sagen können, der Staat habe sich verschuldet, um irgendwelche Haushaltslöcher zu stopfen.“ Professor Hallek und Professor Schuler hätten gemeinsam mit den anderen Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen ein überzeugendes Konzept zur Verwendung der Mittel vorgelegt, so Brandes weiter, und sie könnten auch zügig mit der Umsetzung starten.
Prof. Dr. Michael Hallek, Direktor des CIO Köln und Koordinator des Konsortiums AI4CancerCure.NRW, erläuterte die strategische Idee hinter dem Vorhaben:
„Ich halte es für extrem wichtig, dass wir aus zwei Stärken unseres Bundeslandes etwas machen, das international strahlen wird: unsere starke Forschung im Bereich der Informationstechnologie und der Künstlichen Intelligenz sowie die Medikamentenentwicklung mit KI, getrieben etwa durch Aachen, Bonn, Dortmund, Düsseldorf und Münster integriert in die großen Datensätze der Standorte Essen und Köln. Daraus wollen wir neue Erkenntnisse und am Ende neue Arzneimittel und Produkte schaffen.“ Prof. Martin Schuler vom WTZ Essen ergänzte, dass das Konsortium neben der Medikamentenentwicklung einen zweiten Schwerpunkt verfolgt, der inhaltlich direkt zum Thema des Abends überleitete: die individuelle Prävention und Früherkennung: „Wir haben die Möglichkeit, durch die Bündelung der Informationen aus den sechs beteiligten Unikliniken Modelle zu trainieren, die nicht nur sagen: Bei Ihnen ist aufgrund einer genetischen Untersuchung das Risiko für eine Erkrankung erhöht – sondern die vorhersagen können, welche Erkrankung wahrscheinlich ist und wie oft nachgeschaut werden sollte. Wirklich personalisiert. Der Traum ist, dass wir einen solchen Verlauf irgendwann beeinflussen können, bevor der Tumor überhaupt entstanden ist.“
Vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen in Deutschland machte Prof. Hallek zudem deutlich, welchen gesellschaftlichen Anspruch das Konsortium an sich selbst stellt: „Uns eint die Motivation zu zeigen, dass Leistungen aus unserem Land den Bürgerinnen und Bürgern etwas bringen, dass Forschung nützt und daraus wissenschaftlicher wie wirtschaftlicher Fortschritt entsteht. Wir fühlen uns verpflichtet, so zu arbeiten, dass es die Demokratie, in der ich lebe und die ich genieße, unterstützt.“
Warum Prävention? Der Blick auf 30 Jahre Forschung
Den inhaltlichen Hauptteil des Abends eröffnete Prof. Dr. Kerstin Rhiem, Leiterin des Zentrums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Uniklinik Köln und Koordinatorin des Deutschen Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs. Sie stellte die Entwicklung der Forschung der vergangenen 30 Jahre vor und ordnete ein, warum genetische Faktoren für die Krebsprävention eine so große Rolle spielen. „Jedes Jahr gibt es über eine halbe Million neue Krebserkrankungen in Deutschland, mit steigender Tendenz. Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat hochgerechnet: Wenn wir primär präventive Maßnahmen konsequent anwenden, können wir rund 50 Prozent dieser Erkrankungen verhindern.
Und wir können durch Früherkennung – insbesondere bei den häufigen Tumorerkrankungen Brust-, Prostata- und Darmkrebs – noch einmal etwa die Hälfte der Todesfälle vermeiden. Die Frage ist: Wie bekommen wir Prävention auf die Straße?“ Rhiem erläuterte das Versorgungskonzept, mit dem das Kölner Zentrum bundesweit Maßstäbe gesetzt hat: „Unser Leitthema ist die Wissen generierende Versorgung. Von Köln aus haben wir über das Deutsche Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs mit mittlerweile 25 universitären Zentren in Deutschland und über 300 vernetzten onkologischen Zentren einen kontinuierlichen Kreislauf aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer klinischen Anwendung aufgebaut.“ In den Zentren des Dt. Konsortiums werden Beratung, genetische Untersuchung und intensivierte Früherkennung bzw. Nachsorge für Familien mit gehäuftem Brust- und Eierstockkrebs angeboten
Ein zentrales Element der Wissen generierenden Versorgung im Dt. Konsortium ist das Register HerediCaRe mit über 200.000 registrierten Personen.
Im Gespräch mit Dr. Lotta Ida Fischer, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Oberärztin am Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Köln, berichteten zwei betroffene Frauen von ihrem Umgang mit dem erhöhten familiären Risiko aufgrund der Tatsache, dass in ihren Familien gehäuft Krebserkrankungen auftreten.
Matea Tadic ist 30 Jahre alt und hat mehrere Frauen in ihrer Familie an Krebs verloren, darunter ihre Mutter, die früh an Eierstockkrebs verstarb: „Wenn man den wichtigsten Menschen an dieser Erkrankung sterben sieht und sieht, wie deutlich der Kontrollverlust im Leben dadurch wird, dann macht das etwas mit einem.“
Sie entschied sich daher mit 24 Jahren zu einer vorbeugenden Entfernung der Brust und ließ sich fünf Jahre später auch die Eierstöcke prophylaktisch entfernen: „Seit ich 18 bin, war ich alle sechs Monate beim Ultraschall und bei der gynäkologischen Untersuchung. Die Entscheidung zur Entfernung der Eierstöcke war deutlich schwieriger. Aber es fühlt sich sehr, sehr gut an zu wissen, dass diese tickenden Zeitbomben nicht mehr in meinem Körper sind. Mit allem anderen werde ich auch noch fertig.“
Dr. Fischer ordnete die beiden möglichen Wege bei nachgewiesener Genveränderung ein: „Wenn man mit einer solchen Genveränderung geboren wurde, bedeutet das ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für Brust- und Eierstockkrebs – aber nicht, dass man zwangsläufig erkrankt. Bei der Brust unterscheiden wir zwei Wege: die intensivierte Früherkennung, etwa durch MRT-Untersuchungen bereits ab einem relativ jungen Alter, und die prophylaktische, risikoreduzierende Operation, durch die das Erkrankungsrisiko auf ein Minimum gesenkt wird. Welcher Weg infrage kommt, ist sehr individuell und hängt von vielen Faktoren ab.“
Zur Kostenfrage machte Fischer deutlich, dass die besonderen Vorsorgemaßnahmen zwar nicht zur gesetzlichen Regelversorgung zählen, über die Versorgungsverträge der spezialisierten Zentren mit den Krankenkassen aber in der Regel erstattet werden – verbunden mit der Teilnahme am erwähnten Register zur wissensgenerierenden Versorgung. Feste Altersgrenzen gebe es nicht; bei einer BRCA1-Veränderung orientiere man sich am Alter von etwa 25 Jahren für den Beginn der intensivierten Früherkennung.
Wenn keine ursächliche Veränderung in einem Gen gefunden wird – diesen, in der Praxis sehr häufigen Fall, schilderte Ursel Wirz. Sie ist selbst viermal an Brustkrebs erkrankt, ihre Zwillingsschwester ist 2021 daran verstorben, ihre Mutter erkrankte bereits im Alter von 39 Jahren. Die Familie wird seit 1999 am Kölner Zentrum betreut – bis heute konnte jedoch bei keinem Familienmitglied eine der bekannten ursächlichen Veränderungen nachgewiesen werden. Auch wenn das vielleicht nach einer guten Nachricht klingt, bedeutet es zugleich, dass die Ursache der langen Krebsgeschichte in der Familie unklar bleibt und keine präventiven Operationen auf Basis eines konkreten genetischen Befunds möglich sind. Die gesamte Familie nimmt deshalb regelmäßig an der intensivierten Früherkennung bzw. Nachsorge teil – Ursel Wirz allein hat in ihrem Leben bereits über 40 MRT-Untersuchungen durchführen lassen müssen.
Dr. Lotta Ida Fischer erläutert, dass ein solches „nicht informatives“ Ergebnis eher häufig ist:
„Wenn wir eine erkrankte Person aus einer auffälligen Familie untersuchen, finden wir in bis zu 40 Prozent der Fälle genetische Faktoren, die das erklären. Im Umkehrschluss heißt das: In der Mehrheit der Fälle können wir es genetisch nicht erklären. Das bedeutet nicht, dass es nicht erblich ist – es heißt nur, dass wir mit den heute verfügbaren Mitteln die Ursache in der Familie nicht gefunden haben. Unser Anliegen ist es, weiter nachzuforschen, etwa durch eine breiter angelegte Genomsequenzierung, um auch bislang unbekannte Risikogene zu identifizieren.“
Aus ihrer eigenen Erfahrung heraus gründete Ursel Wirz 2009 gemeinsam mit der damaligen Zentrumsdirektorin Prof. Rita Schmutzler und der Deutschen Krebshilfe das BRCA-Netzwerk – mittlerweile ein etablierter Selbsthilfeverein für Menschen mit erblichen Krebserkrankungen.
In der anschließenden Podiumsrunde diskutierten Wissenschaftsministerin Ina Brandes, Prof. Dr. Kerstin Rhiem, der Humangenetiker PD Dr. Christopher Schroeder vom neu gegründeten Institut für Familiäre Tumorerkrankungen der Uniklinik Köln sowie Prof. Dr. Dirk Schadendorf, Direktor der Klinik für Dermatologie und Direktor des WTZ Essen, der vor zwei Jahren das bundesweit erste Zentrum für familiären Hautkrebs eröffnet hat.
Prof. Schadendorf beschrieb, wie sich das erfolgreiche Kölner Modell auf andere Tumorentitäten wie Haut- oder Prostatakrebs übertragen lässt: „Man hat mit Brust- und Eierstockkrebs ein überregional, national und international sichtbares Konsortium aufgebaut. Wenn man dieses Angebot auch Männern machen kann – die bislang Früherkennungs- und Verwaltungsmaßnahmen nicht so gut annehmen wie Frauen –
werden sie es auch wahrnehmen.“
PD Dr. Christopher Schroeder erläuterte, warum ein neues Institut für familiäre Tumorerkrankungen in Köln folgerichtig war: „Bisher ist die Regelversorgung in dem Angebot eingeschränkt, das Früherkennung, Vorsorge und genetische Testung ermöglicht. Ich glaube, dass das neue Angebot hier einen großen Unterschied machen wird.“ Auf die Frage nach neuen Testverfahren im Bereich der Wissenschaft erklärte Schroeder das Prinzip der zellfreien DNA – ein Ansatz, der in der Onkologie zunehmend an Bedeutung gewinnt: Als zellfreie DNA bezeichnet man kleine Erbgut-Fragmente, die im Blut zirkulieren. Sie stammen sowohl aus gesunden Zellen als auch – bei einer Tumorerkrankung – aus Tumorzellen. Über eine Blutprobe lässt sich diese sogenannte zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) bestimmen. Sie wird bereits in vielen klinischen Studien genutzt, etwa um während einer Therapie das Ansprechen zu messen oder ein Wiederauftreten der Erkrankung (Rezidiv) frühzeitig zu erkennen. „Wenn man das unter Therapie einsetzt, wird es meist ergänzend zu den Standardmethoden genutzt – und kann perspektivisch auch zur Steuerung dieser Methoden beitragen, etwa um die Planung der Bildgebung daran auszurichten. Eine einfache Blutprobe, aus der man eine verlässliche Aussage bekommt, wäre gerade bei aufwendigen Früherkennungsprogrammen etwas sehr Wertvolles.“
In der offenen Fragerunde meldete sich eine Teilnehmerin mit einer ursächlichen Veränderung in einem der BRCA-Gene und mehreren Brustkrebsfällen in der Familie zu Wort. Sie schilderte den Eindruck, dass niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen mit dem Thema familiäre Krebsdisposition oft wenig vertraut seien, und fragte, wer im fortgeschrittenen Alter für Betroffene wie sie zuständig sei. Prof. Rhiem verwies darauf, dass dies angesichts der Komplexität des Themas nachvollziehbar sei, Betroffene sich aber jederzeit zum Beispiel auch über eine Online-Beratung an die spezialisierten, dem Deutschen Konsortium angeschlossenen Zentren wenden könnten. Prof. Schadendorf ergänzte, dass darüber hinaus zahlreiche Informations- und Fortbildungsangebote im Internet zur Verfügung stünden.
Eine weitere Frage aus dem Publikum betraf die Weitergabe von Informationen innerhalb der Familie: Wie erfahren Kinder und Enkelkinder Einzelheiten zu einer bekannten familiären Krebsprädisposition? Prof. Rhiem stellte klar, dass es den Kliniken aus rechtlichen Gründen (Gendiagnostikgesetz) nicht erlaubt ist, entsprechende Informationen von sich aus an Familienangehörige weiterzugeben. Sie riet dazu, offen innerhalb der Familie über das Thema zu sprechen, damit auch jüngere Angehörige rechtzeitig von ihrem möglichen Risiko erfahren und selbst entscheiden können, ob sie sich beraten und testen lassen möchten.
Alle Diskutantinnen und Diskutanten setzten am Ende große Hoffnung darauf, dass sich der jahrzehntelange, aber erfolgreiche Aufbau der Versorgungsstrukturen für familiären Brust- und Eierstockkrebs auf andere Krebsarten übertragen lässt. Ziel sei es, dass der Aufbau funktionierender Netzwerke für familiären Haut- oder Prostatakrebs nicht erneut 20 Jahre dauert, bis ein wirksames Präventionskonzept bei den Patientinnen und Patienten ankommt.









